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"Zahl der Atomkraftwerke sinkt"

Atomkraftgegner sehen keinen Bauboom neuer Kernkraftwerke

28. November 2006

[nachrichten-café] In zahllosen Erklärungen vermitteln Vertreter der Atomwirtschaft - wie jüngst Walter Hohlefelder, E.On-Vorstand und Präsident des Deutschen Atomforums -, den Eindruck, dass weltweit boomartig neue Kernkraftwerke gebaut würden. Nur die "dummen Deutschen" würden sich ins Abseits stellen. Atomkraftgegner werfen jetzt "der Atomwirtschaft und ihren Lobbyisten" vor, damit einen "irreführenden Eindruck erwecken zu wollen". Nach Angaben süddeutscher Bürgerinitiativen, die eine Auswertung amtlicher Zahlen der Internationalen-Atomenergie-Organisation (IAEA) haben vornehmen lassen, zeige sich vielmehr, dass weltweit nur wenige neue Atomkraftwerks-Baustellen begonnen worden seien und dass in den kommenden Jahren sogar die Zahl der Atomkraftwerke sinken werde.

Den Angaben zufolge war bei 11 von 29 in Bau befindlichen Atomkraftwerken der Baubeginn vor 1988. Die normale Bauzeit betrage rund 6 bis 8 Jahre. Das zeige, dass es sich bei den 11 vor 1988 begonnenen Atomkraftwerken in der Regel um "Bauruinen" handele.

Seit dem Jahr 2000 wurden offenbar 17 neue Atomkraftwerks-Bauten begonnen: 8 in Indien, 4 in China und jeweils ein Atomkraftwerk in Japan, Finnland, Pakistan, Korea und Russland.

Wegen der niedrigen Neubauzahlen einerseits und des altersbedingten Abschaltens von bestehenden Atomkraftwerken andererseits sei in den kommenden Jahren also damit zu rechnen, dass weltweit die Zahl der in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke sinke.

Hohlefelders "Botschaft": Deutschland international bei Kernenergie isoliert

Jenseits dieser Zahlen vermittelt der einstige Spitzenbeamte der Bundesatomaufsicht und jetzige Manager der Atomindustrie, Walter Hohlefelder, ein ganz anderes Bild: "In Europa findet ein positiver Umschwung zu Gunsten der Kernenergie statt. In Deutschland ist diese Entwicklung noch politisch blockiert." Dies sei "die Botschaft" einer Konferenz in Berlin mit dem Titel "Europa investiert wieder in die Kernenergie" gewesen.

"Wie auch der jüngste G8-Gipfel wieder gezeigt hat, isoliert sich Deutschland mit seinem energiepolitischen Sonderweg immer mehr. Weder Europa noch der Rest der Welt lassen sich vom deutschen Kernenergieausstieg beeindrucken", so Hohlefelder. "Seit dem deutschen Ausstiegsbeschluss im Jahr 2000" - an dessen Verhandlungen Hohlefelder nicht ganz unbeteiligt gewesen sein soll - "haben sich die globalen Rahmenbedingungen für die Energieversorgung entscheidend verändert." Die weltweite Nachfrage nach Energie wachse rasant. Entsprechend verschärfe sich der Wettbewerb um Primärenergieträger und Produktionsstandorte.

Letztere seien auf eine "versorgungssichere und preiswürdige Energieversorgung" angewiesen. Gleichzeitig wüchsen mit dem größer werdenden Energieverbrauch die Herausforderungen an die Klimavorsorge. "Praktisch alle führenden Industrienationen tragen diesen gewachsenen Herausforderungen Rechnung, in dem sie wie zum Beispiel Frankreich, Großbritannien, die USA und Japan auch auf den Neubau von Kernkraftwerken setzen", heißt es in einer Mitteilung des Atomforums, ohne allerdings hierfür konkrete Zahlen zu benennen. Zudem seien bei bestehenden Kernkraftwerken weltweit mittlerweile Laufzeiten von 40 bis 60 Jahren "üblich", behaupten die Befürworter der Atomenergie. Für die deutschen Atomkraftwerke seien hingegen nur durchschnittliche Laufzeiten von 32 Jahren vorgesehen.

"Auch in Deutschland muss über den Beitrag, den die Kernenergie zu einem wirtschaftlichen, sicheren und umweltverträglichen Energiemix leistet, wieder offen und pragmatisch diskutiert werden", fordert Hohlefelder. Der nationale Energiegipfel biete hierzu eine sehr große Chance. "Wir sollten sie nutzen."

Kritik am Klimaargument

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW und der Deutsche Naturschutzring (DNR) wiesen das Klimaargument unlängst zurück. Laut IPPNW müssten zusätzlich zu den bisherigen 442 Atomkraftwerken größenordnungsmäßig weitere 1000 Atomkraftwerke der 1300-Megawatt-Klasse zusätzlich errichtet werden, "um nur 10 Prozent der fossilen Energie zu ersetzen". Schon das sei völlig unrealistisch.

Der Bau dieser Großanlagen würde mehrere Jahrzehnte dauern. Selbst in ihrem besten Jahr 1985 habe die Atomindustrie lediglich 34 Gigawatt, entsprechend 26 großen Atomkraftwerken, neu in Betrieb nehmen können. Seitdem seien die Fertigungskapazitäten für neue Atomkraftwerke deutlich gesunken. Der Zubau von 1000 neuen Atomkraftwerken würde laut IPPNW also größenordnungsmäßig 40 Jahre Zeit beanspruchen. In Westeuropa sei derzeit gerade mal ein neues Atomkraftwerk in Finnland in Bau. Und dort komme es "wegen des Pfuschs am Bau wie üblich zu nicht eingeplanten Verzögerungen".

Der DNR veröffentlichte unlängst eine Studie von Professor Klaus Traube, wonach noch weitere 2100 Atomkraftwerke mit einer Leistung von jeweils 1000 Megawatt hingegebaut werden müsste, wollte man damit die Hälfte der globalen Stromversorgung decken.

Knapp zwei Drittel der derzeitigen Atomkraftwerks-Kapazität entfielen heute auf nur vier Staaten: USA, Frankreich, Japan und Deutschland. Traube verwies darauf, dass die heutigen 442 Atomkraftwerke 66.800 Tonnen Uran pro Jahr benötigten. Beim Zubau weiterer 2100 Atomkraftwerke bis zum Jahre 2030 wären bei Berücksichtigung eines verbesserten Wirkungsgrades 260.000 Tonnen jährlich erforderlich. Die Reichweite der bekannten Uranvorräte würde sich von heute 70 dann auf nur noch 18 Jahre reduzieren.

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