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Eine kritische Analyse

Thilo Sarrazin, Genetik und Intelligenz

07. September 2010

Bild: PhotoCase.com[nachrichten-café] Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat bei der Vorstellung seines neuen Buches "Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" Thesen aufgestellt, die eine kontroverse Diskussion ausgelöst haben. Die Aussagen Sarrazins zur Genetik hält der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e. V.) für unzutreffend. Der Verband wehrt sich auch "entschieden gegen jede Verfälschung und politische Instrumentalisierung biologischer Fakten, sei es durch Thilo Sarrazin selbst, sei es durch andere Teilnehmer der derzeit laufenden öffentlichen und medialen Debatte. Die genetischen Thesen von Herrn Sarrazin sind nicht mit den modernen Erkenntnissen zur Evolutionsbiologie des Menschen vereinbar", so VBIO-Präsident Professor Diethard Tautz.

"Evolutionsbiologisch gesehen ist der Mensch eine der genetisch homogensten Spezies die es auf der Erde gibt", so Evolutionsbiologe Professor Tautz. Im Vergleich zu anderen Spezies seien die Unterschiede zwischen Populationsgruppen sehr gering. Tatsächlich seien die Unterschiede innerhalb von Populationsgruppen etwa 5-fach höher als zwischen ihnen.

Das genetische Repertoire des heutigen Menschen geht nach Auffassung von Tautz auf eine Gründerpopulation von weniger als 50.000 Individuen zurück. Praktisch alle heute existierenden Genvarianten soll es bereits in dieser Population gegeben haben und diese seien in praktisch allen gegenwärtigen Volksgruppen zu finden.

"Die einzige signifikante Differenzierung die kürzlich gefunden wurde, ist die, dass sich nur die Vorgänger der Europäer und Asiaten mit Genmaterial des Neandertalers vermischt haben, nicht aber die Afrikaner", so Tautz. Genau genommen gebe es "genetisch reine" Menschen - aus evolutionsbiologischer Sicht allerdings ein unsinniger Begriff - daher nur in Afrika.

Genetische Unterschiede: "Keine Rückschlüsse auf spezifische Eigenschaften "

Genetische Unterschiede zwischen den heutigen Volksgruppen lassen sich laut Tautz im Wesentlichen nur mit Hilfe von neutralen genetischen Markern nachweisen, "die per definitionem keine Rückschlüsse auf spezifische Eigenschaften erlauben".

Neutrale genetische Marker verhielten sich – eben weil sie neutral seien - "nach statistischen Zufallsprinzipien".

"Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen sagen nichts anderes aus, als dass diese eine Zeit lang in unterschiedlichen Regionen gelebt haben", so Tautz. "Wenn man eine Gruppierung von Volksgruppen mittels neutraler Marker durchführt, erhält man ein ungefähres Abbild der geographischen Verteilung."

Darüber hinaus gebe es tatsächlich einige wenige funktionale Genregionen in denen Menschengruppen sich unterschieden. "Ganz offensichtlich gehören dazu die Gene, die die Hautfarbe bestimmen. Sie sind als lokale Adaptationen entstanden, aus der Balance zwischen Schutz vor UV-Strahlen und der Notwendigkeit über eine Lichtreaktion Vitamin D in der Haut zu erzeugen", so Tautz.

Holländer sind an Milch, Japaner an Meeresalgen angepasst

Ein weiteres prominentes Beispiel sei eine bei Westeuropäern sehr häufige Genvariante, die es Erwachsenen erlaube, Milchzucker zu verdauen. "Dies ist evolutionsbiologisch eine genetische Anpassung an die kulturelle Errungenschaft der Milchverarbeitung." Am häufigsten sei diese Genvariante in Holland.

Bei Japanern gebe es dafür genetische Anpassungen in der Darmflora, die es ihnen erlaubten, Nährstoffe aus Meeresalgen zu verwerten. "Andere Unterschiede betreffen Resistenzen gegen Krankheitserreger, wie etwa die mittelalterliche Pest."

Keine Hinweise für genetische Unterschiede in Bezug auf Intelligenzleistungen

"Dass es bei Volksgruppen genetische Unterschiede in Bezug auf Intelligenzleistungen geben könnte, ist nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens nicht zu erwarten", vermutet Professor Tautz. "Intelligenz wird von vielen Genregionen beeinflusst, die in jedem Individuum neu zusammengewürfelt werden. Das kann zu großen Unterschieden innerhalb einer Gruppe führen, wirkt aber gleichzeitig im Vergleich zwischen Gruppen wie ein Puffer."

Wissenschaftlich formuliert: Die Varianz innerhalb der Gruppe übersteigt die Unterschiede zwischen Gruppen bei weitem. Selbst wenn es zu lokalen Veränderungen der Häufigkeit von Genvarianten kommen sollte wie etwa durch Inzucht in Alpentälern, dann würden diese Verteilungsunterschiede im Falle von Rückkreuzungen schnell wieder ausgeglichen. Dafür reiche bereits ein einprozentiger Genfluss.

"Es ist daher davon auszugehen, dass jede Volksgruppe grundsätzlich das gleiche genetische Potential für Intelligenzleistungen hat", so das Urteil von Tautz. "Dass es auch messbare Unterschiede in Intelligenzleistungen gibt, liegt nur daran, dass die Intelligenztests durch kulturelle Vorerfahrungen beeinflusst werden. Jede Volksgruppe, die einen Intelligenztest auf der Basis ihrer eigenen Kultur entwickeln würde, würde feststellen, dass die meisten anderen Kulturen durchschnittlich schlechtere Leistungen zeigen als die Mitglieder des eigenen Kulturkreises."

Da aber kulturelle Traditionen nicht genetisch festgeschrieben seien, könnten sie sich auch innerhalb einer Generation verändern. "Die Großmutter ist dem Enkel bei Formulierung von handschriftlichen Briefen haushoch überlegen, während sie mangels einschlägiger Erfahrungen bestimmte Leistungen am Computer nicht erbringen kann", so Tautz.

Subjektive Wahrnehmung von Unterschieden

Dass wir neben den offensichtlichen Unterschieden in den Hautfarben überhaupt Ethnien unterscheiden können, liegt laut Tautz an den ausgesprochen hoch entwickelten kognitiven Fähigkeiten des Menschen, die für sie relevante Informationen aus der Umwelt akzentuieren. "Deswegen können wir als Europäer auch sehr gut europäische Volksgruppen unterscheiden, asiatische aber viel schlechter." Umgekehrt sei es aber genauso - Asiaten könnten europäische Volksgruppen viel schlechter unterscheiden. "Was uns subjektiv als großer Unterschied erscheint, muss daher nicht bedeuten, dass es auch tatsächlich einen großen genetischen Unterschied gibt."

Professor Tautz ist der Auffassung, dass Herr Sarrazin "die grundlegenden genetischen Zusammenhänge falsch verstanden" hat. Sarrazins Aussagen "beruhen auf einem Halbwissen, das nicht dem Stand der Evolutionsforschung entspricht", so Tautz.

Foto: PhotoCase.com

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